Vietnam

„Vietnam feiert zum 40. Mal den Sieg über das damalige Südvietnam und die USA. Freude und Stolz überwiegen, obwohl der Krieg hüben wie drüben nicht für alle vorbei ist“, lese ich heute im St.Galler Tagblatt. Ich komme ins Grübeln. Nein, auch für mich, der keinen näheren Kontakt zum heissen Krieg hatte, ist der Krieg nicht vorbei.

Als ich das Denkmal für den Vietnam-Krieg in NYC zum ersten Mal sah, brach ich ganz unerwartet in Tränen aus. Die Tränen konnte ich beim Besuch des Washingtoner Vietnam-Denkmals auch nicht zurückhalten. Die Artikel in den heutigen Zeitungen und die Berichte im TV berühren Gefühle, die sehr tief in mir verwurzelt sind.

Was für Gefühle es sind, ist mir nicht ganz klar. Sie sind einfach da und sie sind oft heftig. Habe ich vielleicht ein schlechtes Gewissen, dass ich um das Leiden im Krieg herum gekommen bin? Ist es Trauer um Klassenkameraden, die in Vietnam ihr Leben verloren? Oder ist es eine gewisse Hilflosigkeit gegenüber der Sinnlosigkeit dieser, späterer und heutiger US-Einsätze.

Oder wecken diese Berichte Erinnerungen an die Erzählungen meines Onkels, der im Zweiten Weltkrieg im Pazifik diente? Von Zeit zu Zeit — in den 50er Jahren auf jeden Fall — erzählte er von seinen Erfahrungen auf einem Kriegsschiff, von Bombenangriffen der Japaner, von den Kamikaze-Piloten. Es waren spannende Geschichten! Aber sie endeten immer mit der gleichen Geschichte: Mein Onkel kniet während eines Angriffs auf dem Deck und hält seinen sterbenden Freund in seinen Armen. Und an diesem Punkt brach mein Onkel jedes Mal in Tränen aus. Vielleicht isMangan Johnt es die Erinnerung an diese Szene, die mich zum Heulen bringt.

Kanada

Für Männer, die während des Vietnam-Kriegs dienstpflichtig waren, war Kanada ein klarer Begriff: ein Zufluchtsort für sehr viele, die nicht in die Armee eingezogen werden wollten. Zehntausende Männer emigrierten legal nach Kanada aus, um nicht nach Vietnam geschickt zu werden. Auch Fahnenflüchtige fanden im nördlichen Nachbarland eine neue Heimat.

Auch ich war während des Vietnamkriegs dienstpflichtig. Im Verlauf meines Austauschjahrs in Bern wurde ich 18 und musste mich in der Botschaft für das Militär anmelden. Mit erhobener rechter Hand musste ich den USA meine Treue schwören und erhielt kurz danach meine draft card. Wenig grösser als eine Visitenkarte und aus ähnlichem Material gab dieser Ausweis Auskunft über mein Schicksal: 2-S. Ich durfte meinen Dienst verschieben, um meinem Studium nachzugehen.

Mein Vater, stolzes Mitglied in drei Veteranenorganisationen, sicherte mir zu, er würde mich persönlich nach Kanada bringen, sollte ich zum Militärdienst eingezogen werden.

Der Pfarrer meiner Kirchgemeinde war hingegen entsetzt, dass ich und meine Familie gegen den Krieg in Vietnam waren. Ein gläubiger Christ müsste doch für den Krieg gegen den gottlosen Kommunismus sein.

Brüste

„Am seltsamsten ist das amerikanische Verhältnis zu weiblichen Brüsten“, bemerkt Honegger unter dieser Rubrik in seinem Buch. Truer words were never spoken! Und ich dachte beim Lesen sofort an ein Erlebnis beim Hochzeitsfest nach meiner ersten Trauung in der Schweiz.

Der Trauzeuge (links im Bild) hatte sich ein Spiel ausgedacht, wobei jeder Gast eine „lustige“ Aufgabe zu erfüllen bekam. Mein Auftrag war es, die Oberweite aller anwesenden BrüsteFrauen zu messen und zu bestimmen, welche Frau den grössten Busen hatte. Um diese „lustige Aufgabe“ zu erfüllen, erhielt ich ein Messband.

Alle lachten und fanden es ungeheuer lustig, dass der Pfarrer die Frauenoberweiten zu prämieren hatte. Ich lief rot an, rang nach Luft und stand ziemlich hilflos da. Die Gäste haben über den verzweifelten Pfarrer Tränen gelacht.

Es war aber nicht der Pfarrer, der sich in einer peinlichen Situation befand, sondern der Amerikaner, der sich wünschte, der Erdboden würde ihn verschlingen. Denn ein amerikanischer Pfarrer ist zu einigen Spässen bereit, wozu sein europäischer Kollege nicht Hand bieten würde. Nein, es war nicht der Pfarrer in mir, der von dieser „lustigen Aufgabe“ überfordert war. Es war mir äusserst peinlich schlicht und einfach, weil ich Amerikaner bin. Kein Amerikaner im nüchternen Zustand wickelt irgendetwas um die Brüste wildfremder Frauen.

Das Messband wollte ich dem Trauzeugen um den Hals wickeln und fest ziehen, bis dessen Umfang im einstelligen Bereich lag. Das Bild zeigt deutlich meine Absicht. „Vergib ihm, denn er weiss nicht, was er tut.“ Mindestens im nach hinein fielen mir diese Worte ein. Der Trauzeuge konnte von dem seltsamen amerikanischen Verhältnis zu weiblichen Brüsten nichts wissen.

Die erste Frau stellte sich – gottseidank – so hin, dass ich ihre Brüste nicht berühren musste. Sie legte dort das Band an, wo meine amerikanischen Finger nichts zu suchen hatten, und liess mich von hinten und aus sicherer Distanz zu ihrem Busen den Umfang ablesen.

IRS

Der IRS (Internal Revenue Service/US Steuerbehörde) kann für den Normalbürger einem Irrgarten gleichen, wozu die Gärtner schon lange den Plan verloren haben. Wer den Versuch wagt, die Anleitung zur Steuererklärung zu lesen, gibt nach wenigen (Ab)sätzen auf. Die technische Sprache und die Formulierungen, die darin verwendet werden, sind mind-boggling (etwa: verursachen  eine Kernschmelze des Gehirns).

Wer sich aber an die Behörde zwecks Erklärung wendet, findet nicht unbedingt den Ausgang zum Irrgarten. Dreimal im gleichen Jahr stellte ich die gleiche Frage an die IRS und bekam dreimal komplett andere, ja widersprüchliche Antworten. Die Frage scheint mir berechtig: Ist dies Absicht?

Wer ich bin

Ich bin ein gebürtiger Amerikaner von St. Paul, Minnesota, und eingebürgerter Schweizer von St.Gallen. 1981 verliess ich die USA, um eine reformierte Pfarrstelle in S-chanf und La Punt-Chamues-ch zu übernehmen. Es folgten Pfarrstellen in St.Gallen, Teufen AR, im Glarner Hinterland und zuletzt vor meiner Pensionierung in Thal SG. Mit einer St.Gallerin bin ich seit mehr als 25 Jahren verheiratet. Zusammen freuen wir uns über Sohn, Schwiegertochter und Enkel.